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[rohrpost] havenCo auf sealand
kuhn on 9 Jan 2001 17:19:17 -0000


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[rohrpost] havenCo auf sealand


schönen abend,

für das magazin des zürcher tagesanzeigers war es mir vergönnt, in new
orleans sean hastings zu treffen, CEO von http://www.havenCo.com . havenCo
ist eine firma, die auf http://www.sealandgov.com garantiert
unkontrollierbare server betreiben, und dies für so gemixte kundschaft wie
TibetOnline, ETOY, banken und allerlei business.

die aussicht ins informationszeitalter, die mir sean hastings in der stunde
zwischen webbersfishplacebetreten und mundabwischen bot, war ziemlich
exklusive und einigermassen  erschütternd. mein artikel erschien letzten
samstag. die havenco-site bietet unter online presskit auch den
wired-artikel von simson garfinkel, wo die bilder der sealand-plattform zu
sehen sind, welche auch meinen text zieren.

cheers: albert kuhn

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(Aufrissbild: Sealandplattform in der Nordsee)

(Titel)

D i e   F e s t p l a t t e


(Lead)
Sealand ist das kleinste Land der Welt. Auf der rostigen Plattform aus dem
Zweiten Weltkrieg planen ein paar Amerikaner die Abschaffung von
Machtmonopolen und Nationen. Legal und digital


(Text)
In einem dunklen Restaurant in New Orleans sitzen in der hintersten Ecke
zwei Männer an einem Tisch. Der eine bin ich. Der andere heisst Sean
Hastings und lässt mich von seinem Alligator kosten. «Es wird schmecken wie
fettiges Huhn» warnt er, «womöglich ist es sogar Huhn.» Hastings lacht, der
Tisch bebt, die Kellnerin kommt zum dritten Mal und fragt, ob die Gentlemen
allright seien.

Allright? Sean Hastings ist der Mann, der die New Yorker Freiheitsstatue
demontieren und in der Nordsee wieder aufstellen will. Er erklärt auch
gern, wie und warum er das tut. Natürlich klaut er von der Liberty nur das
Prinzip - die hoch erhobene Fackel, das Versprechen, der Ort auf der Welt
zu sein, wo die Freiheit am höchsten geachtet wird. «Wir Amerikaner» sagt
Hastings und schiebt sich ein Stück Alligator ein, «sind ja die Jungs, die
vor zweihundert Jahren aus Europa abhauten - weil es uns da nämlich zu eng
wurde. Wir wollten Freiheit von Vorschriften. Heute ist es auch in den USA
enger geworden, es wird Zeit für einen nächsten Schritt. Was wir auf der
Insel Sealand tun, ist genau dies: Wir erfüllen nichts andere als den
allerersten Artikel der amerikanischen Verfassung, das sogenannte First
Amendment. Es lautet: «Der Kongress darf keine Gesetze erlassen, die
Meinungs- und Pressefreiheit behindern.'»

Sealand ist eine unansehnliche, dreizehn auf siebenundvierzig Meter grosse
Plattform, die die Engländer im zweiten Weltkrieg als
Flugzeugabwehrstützpunkt gegen deutsche Flugzeuge erbauten und Roughs
Towers nannten. Sie steht sechs Meilen östlich von Felixstowe, einem
englischen Industriehafen. Zwei mächtige Betonsäulen stecken bei Ebbe sechs
Meter im Salzwasser, ragen  einundzwanzig Meter aus der See und
präsentieren eine rostige Stahlplatte mit einer schäbigen Baracke drauf.
Nach dem Krieg wurde Roughs Towers bis auf eine festmontierte Kanone
entwaffnet und gut 20 Jahre den Nordseestürmen überlassen. Am 2. September
1967  besetzte der englische Offizier und Kriegsveteran Roy Bates die
Plattform und rief das Königreich Sealand aus, schuf eine schwarzweissrote
Flagge und ernannte sich zum Prinzen, seine Frau Joan zur Prinzessin und
auch Sohn Michael wurde Prinz.

Im Königreich Sealand war aber nicht viel los. Für ein paar Jahre war ein
Piratenradio zu Gast, ein geplantes Kasino kam nicht zustande und es gibt
dauernd Ärger mit irgendwelchen Kriminellen, die sich selbst Sealand-Pässe
ausstellten und damit ungestört in der Halbwelt herumreisen, einer davon
ist der Mörder von Modezar ....... Die Sealand-Plattform rostete vor sich
hin und die betagten Royals zogen sich, weil das Klima für die alten
Knochen zu rauh wurde, auf ihren Festlandsitz zurück.

Sealand gilt in Juristenkreisen als Modellfall eines Ministaates,
Generationen von Rechtsstudenten erhielten den Fall schon als Seminararbeit
aufgebrummt. Das Land mit den drei Einwohnern behielt selbst dann seine
quasiselbständige Stellung, als England die Territorialgrenze 1987 von drei
auf zwölf Meilen erhöhte. Da Grossbritannien ausser einem kleinen
Scharmützel 19.., wo die Sealand-Kanone zu ihrem letzten Schuss kam, seine
Territorialrechte nicht wirklich durchsetzte und die Königsfamilie Bates
gewähren liess, würde es heute Schwierigkeiten haben, etwaige Ansprüche
durchzusetzen. Genau dies steht in einem Buch mit dem hübschen Namen «How
To Build Your Own Country», auf dem Titel ein Bild von Sealand. Sean
Hastings las das Buch 1997.

Sein Plan für Sealand heisst HavenCo. Das ist eine Firma, die die Plattform
von der Königsfamilie Bates mietet, um dort  einen sogenannten Datenhafen
einzurichten. Im Innern der Betonsäulen werden Dutzende oder Hundert der
leistungsfähigsten Internet-Server laufen, welche von Firmen, Institutionen
oder Einzelpersonen gekauft oder gemietet werden können. Via diese Server
können dann die Kunden tun, was ihnen beliebt. HavenCo verbietet lediglich
Kinderpornographie und Spam, der Internet-Ausdruck für das massenhafte
Versenden von e-Mails, ähnlich der unadressierten Briefkastenwerbung. Zur
eigenen  Sicherheit behält sich HavenCo noch vor, jede Website und jede
Dienstleistung abzuschalten, die den Zugang zum Netz gefährden würde. Im
Unterschied zu andern Offshore-Ländern gibt es also bei HavenCo gar keine
Steuern und fast keine Gesetze - und die wenigen dürfen nicht geändert
werden.

Sind Amerikaner per Erbgut und Verfassung dazu berufen, die
Informationsfreiheit zu verteidigen und weiter zu entwickeln,
Sean Hastings? «Nun» meint Hastings, «dies war immer ein Thema der
Menschheitsgeschichte. Seit jeher versuchten Regierungen oder Mächtige, den
freien Informationsfluss zu kontrollieren und seit jeher gab es Versuche,
Orte zu schaffen, wo freier Austausch möglich war. Plato schuf den Garten
des Academus, in dem frei diskutiert und philosophiert werden durfte, ohne
Angst, dafür verfolgt zu werden. Auch die USA waren so ein Ort.»

Waren? Sind es nicht mehr? «Gemäss Verfassung immer noch» meint Hastings.
«Weil Sprache und Schrift die damals einzige Form der Kommunikation war,
bezieht sich das wichtige erste Amendment der US-Verfassung eben darauf. Es
ist ja klar, dass damit auch alle moderneren Kommunikationstechnologien
gemeint sind. Aber die Politiker sahen hier eine Möglichkeit, die Macht des
Zentralstaates zu vergrössern und einen Unterschied zu machen. Telephon,
Radio, Fernsehen und jetzt das Internet sind der Federal Communications
Kommission (FCC) unterworfen und die tut nun genau das, was die Verfassung
verbietet: Sie reguliert.»

Hinsetzen zur Zweiminuten-Geschichtslektion. Thema: Wer hat eigentlich den
Nationalstaat erfunden? Die mittelalterliche (500 - 1500) Arbeitsteilung
zwischen Kirche und Reich, zwischen Papst und Kaiser hat zuweilen
funktioniert - aber meistens eben nicht. Kirchenführer wollten weltliche
Macht, die Fürsten der Welt Kontrolle über Kopf und Herz der Untertanen.
Indem beide über den Hag frassen kamen sie sich in die Quere und in die
Haare, es kam schliesslich zu sovielen Kriegen, dass sich Kaisertum und
Papsttum gegenseitig massiv schwächten. Auf beiden Seiten profitierten
Leute aus dem zweiten Glied: Die innerkatholische Opposition kam mit Luther
zu einer Figur, die dem Papsttum offen entgegentrat. Gleichzeitig schnitten
Könige und Herzöge ihre Gebiete mittels Grenzen und Zöllen nach und nach
aus dem Reich heraus. Reformation und Fürstentümer stützten sich
gegenseitig, was schliesslich zum Nationalstaat führte.

Die Nation ist nicht Natur. Und sehr selten ist sie das Abbild der Wünsche
ihrer Mitglieder - im besten Fall der rührende Versuch dazu. Der
Nationalstaat ist eine Form, die es erst seit etwa zweihundert Jahren gibt,
sie ist die Verwaltungsform des Industriezeitalters und wird mit ihm enden
oder mindestens stark mutieren.

Was die Nationalstaaten untereinander nicht aufteilten, war das Meer - es
wurde als nahezu unendliche Weite sich selbst überlassen, die Menschen
naschten bloss von seinem unendlichen Reichtum und die Schwierigkeiten, es
zu überqueren, erhöhten den Respekt vor der See. Erst im Laufe des 20.
Jahrhunderts - Bevölkerungsexplosion, Welthandel, Distanzbewältigung mit
Flugzeugen - wurde sogar das Meer zur endlichen Grösse, zum misshandelten
Teich: Fische raus, Abfall rein.

Meereswellen, Zivilisationswellen. Was ist eigentlich das
Informationszeitalter? Es ist nach immer übereinstimmenderen Ansichten die
dritte Zivilisationswelle der Menschheit. Die erste ist das Agrar-, die
zweite das Industriezeitalter. Der Ausdruck Wellen stammt vom US-Soziologen
Alvin Toffler und legt nahe, dass diese Zivilisationsformen nicht überall
gleich heftig und gleichzeitig eintreffen, dass sie sich überlagern können
und dass sie jeweils die nächste Form gebären. Toffler prophezeit fürs
Informationszeitalter: Den Untergang der Nation, der Massenschule, der
Massenfabrikation und der heutigen Geldform. Sie alle sind Elemente des
Industriezeitalters und waren davor unbekannt.

Sealand wird, wenn alles klappt, zu einer Ikone des Informationszeitalters
werden - und der CEO von Havenco wäre dann der Martin Luther, der dem
Nationalstaat erfolgreich die Zähne zeigt. Sean Hastings hat dazu die
grosse Statur, die kräftige Stimme, die Intelligenz, das rhetorische Talent
und den selbstbewussten Habitus. Durchs winterlich kalte New Orleans
marschiert er, ganz Rebellenführer, in wehend schwarzem Ledermantel,
weissem Polo Shirt und schwarzen Lederhandschuhen.

Der Martin Luther des Informationszeitalter ist ein 68er Jahrgang und wurde
in eine Computerwelt hineingeboren. Seine Eltern waren Lehrer in Ann Arbor,
der Universitätsstadt bei Detroit, die Mutter lehrte Computer Science, und
das Haus war voll mit Rechnern, Bildschirmen und Telephonmodems, die die
Maschinen mit dem Uni-Mainframe-Netz verbanden. Kaum konnte Sean lesen,
lernte er auch schon, kleine Programme zu schreiben - das war für ihn nicht
Lernen, sondern Spiel. Später studierte er Mathematik, spezialisierte sich
in Wahrscheinlichkeitsrechung, verliess aber die Uni kurz vor dem
Abschluss. Er stellte nämlich  fest, dass höhere Mathematik nur in den
Lehrberuf führe, zog nach New York und spielte Karten, «for a living», wie
er sagt, also beruflich. Dann erinnerte sich Hastings, dass er ja mit
Computern umgehen konnte, verdingte sich als Computer Consultant und
siedelte bald nach Kalifornien über, wo er Jo, seine Frau kennenlernte.
Zusammen zogen sie nach New Orleans.

New Orleans liegt am Meer. Dort, weit draussen, liegt die Karibik mit all
ihren Offshore-Inseln und Finanzparadiesen. Sean begann, für
Offshore-Casinos zu programmieren und zog für ein Jahr auf die Insel
Anguilla. Dort traf er den Amerikaner Brian Lackey und den Inder Sameer
Parekh, zusammen arbeiten sie an verschiedenen Finanzsystemen. Weil Sean
auf Dauer keine Arbeitsbewilligung erhielt, musste er zurück in die USA -
und zu jener Zeit entstand die Idee eines Datenhafens. Heute gehört
Ingenieur Lackey zum HavenCo-Team, Jo Hastings macht Marketing und Presse,
der japanische Internet-Guru Joichi Ito ist Berater - und der Unternehmer
Avi Freeman hat gleich zwei wichtige Funktionen: Er ist ein Router Guru,
zuständig dafür, dass alle Daten von HavenCo auf dem richtigen Weg an den
richtigen Ort gelangen. Dazu ist er Angel Investor - ein schnuckeliger
neuer Ausdruck für Hauptgeldgeber. Das Finanzwesen hat auch seine
religiösen Seiten.

Sean Hastings ist nur deshalb in New Orleans, weil er in den USA noch die
letzten Millionen auftreiben will, um HavenCo auf Sealand anfangs 2001
starten zu können. Dass die zu hoch bewerteten Internetaktien und deren
Index Nasdaq im letzten Sommer  zusammenbrachen, hat den Start von HavenCo
etwas verzögert. Sean Hastings kämpft, führt Gespräch um Gespräch mit
möglichen Geldgebern.

Wer investiert in HavenCo und wen sprechen Sie dafür an? «Es gibt zwei
Haupt-Zielgruppen. Einerseits jene, die viel Geld machen möchten. Und
andererseits jene, die viel Geld haben und denen die Freiheit der
Information etwas wert ist. Bis jetzt muss ich feststellen, dass
diejenigen, die viel Geld machen wollen, weniger für Neues zu haben sind.
Hauptkundschaft sind also die risikofreudigeren Besitzenden.»

Es gibt eine dritte Kategorie, von der Sean Hastings nicht spricht: Auf
Sealand werden auch Server für Etoy und Tibet Online laufen. Letzteres ist
die Stimme der von China unabhängigen Tibeter, sie sind auf HavenCo
kostenlos daheim, keine Massnahme der chinesischen Regierung wird der
Tibeter-Homepage etwas anhaben können. Und Etoy ist die bekannteste und
gleichzeitig am schwierigsten zu definierende Künstlergruppe aus der
Schweiz. Die ursprünglich über Europa verstreute Gruppe begann 1992 mit
gebührenpflichtigen Telefonnummern zu experimentieren, hat 1996 die
Internet-Suchdienste mit der Aktion "Digital Hijack" ausgetrickst und seit
1998 ist die New Economy ihr Terrain: Anstatt sich vom Kunstbetrieb
vermarkten zu lassen, hat sich etoy als Start-Up-Unternehmen lanciert und
gibt Aktien aus. Es handelt sich um Kunst-Aktien, die an keiner offiziellen
Börse gehandelt werden, keine Wertpapiere sind - und trotzdem gekauft
werden; der kühne Versuch von Künstlern, sich durch Verschmelzung von New
Economy und Kunstmarkt selbst zu finanzieren. Statt die Machtströme der
Welt von aussen zu erahnen und nachzuzeichnen, wirft sich Etoy unverfroren
rein schwimmt zuvorderst mit. Damit macht Etoy Unsichtbares sichtbar. Wo
immer Etoy ist, geht  kurz darauf irgendwie die Post ab. Also nächstes Jahr
auf Sealand.

Im Frühsommer 2000 ging HavenCo an die Öffentlichkeit und von Mai bis
September erschien in der Weltpresse tausend mal derselbe Artikel: Wie
schäbig dieses Sealand und wie kurios dagegen seine Royals seien, wie schön
nun, dass ihnen diese verrückten Internet-Amerikaner gerade rechtzeitig den
Lebensabend aufhellen und wie schwer sich England und das ebenfalls
benachbarte Frankreich tun werden, dem unheimlichen Treiben vor ihren
Küsten tatenlos zuzusehen. Aber die Konsequenzen von HavenCo, der
Zusammenhang mit Geschichte und Zukunft, blieben hübsch ausgespart - obwohl
Sean Hastings versichert, dass er in allen Interviews auch darüber sprach.

Ob HavenCo der Shooting Star des Jahres 2001 ist oder aus rechtlichen
Gründen nur mit halbem Dampf fahren darf, ist noch nicht ausgebüxt.
Schiessen Sie auf Sealand aus der Hüfte, Sean Hastings? «Sagen wir's so:
ich habe nichts gegen etwas Risiko. Ich finde sogar, wenn alle etwas mehr
riskieren würden, hätten wir eine sichere Welt, verstehen Sie das?» Nein.
Aber es tönt gut.

Wie erklären sie jemandem auf der Strasse, was HavenCo will? Hastings
zögert keinen Moment: «Das Internet ist ein globales Medium, die Gesetze,
die die Kommunikation kontrollieren, sind aber landesabhängig. Dies führt
dazu, dass Leute, die übers Internet Geschäfte machen, tendenziell in ein
Land ausweichen, welches die wenigsten Vorschriften macht. Wir offerieren
also einen Ort, wo die freie Kommunikation so  wenig eingeschränkt wird wie
nur möglich.»

Wer sind Ihre Kunden? «Idealerweise jedermann, der übers Internet globale
Geschäfte machen will - weil er dann am wenigsten Regeln zu befolgen hat.
Im Moment versuchen die Regierungen wie Grossbritannien und die USA, mit
der Informationstechnologie zurande zu kommen, dabei kommt es zu ziemlich
schlechten Gesetzen. Zum Beispiel soll erlaubt werden, die Computer einer
Firma abzustellen, solange zum Beispiel eine Untersuchung in Sachen
Copyrightverletzung läuft. Was heisst: ob die Firma schuldig ist oder
nicht, sie wird wochenlang vom Netz genommen und damit faktisch liquidiert.
Oder etwa das britische GAK-Gesetz, die Abkürzung für «government access to
keys». Wer Verschlüsselungen anwendet, muss der Regierung den Schlüssel zur
Verfügung stellen. Nun - selbst wenn man der Regierung traut: Kann man
sicher sein, dass der Schlüssel nie weitergegeben wird oder durch ein
Sicherheitsleck in andere Hände kommt? Dies kann niemand garantiert
ausschliessen.»

HavenCo wird wohl auch Banken beherbergen, die Kunden anbieten können, da
ihr Geld zu verstecken? «Das wird wohl so sein - und es ist nicht
zwingenderweise eine schlechte Sache. Ich finde nicht, dass es die
Regierung etwas angeht, wieviel Geld jemand hat, sie wollen es einem ja
sowieso nur wegnehmen. Wer die Guns hat, nimmt das Geld von denen, die
keine Guns haben - das ist die ganze Logik des Steuersystems.» Der Tisch
bebt erneut.

Also wird in Zukunft nichts mehr versteuert? «Die zunehmende digitale
Verschlüsselung und die Möglichkeiten, Informationen aufzuteilen und
unüberblickbar breit zu streuen, wird es immer schwieriger machen,
herauszufinden, wer Geld hat und wer nicht. Da werden die Regierungen von
Einkommens- auf Konsumsteuern einschwenken müssen, wo die Leute bezahlen,
was sie benutzen - Strassen, Kultur, Gesundheitsdienste. Das Geld würde
somit genau dort bezahlt, wo es auch gebraucht wird, was wiederum viel
Bürokratie erspart.»

Dann werden wir in Zukunft nicht mehr wissen, wie reich jemand ist? «Ja,
genau. Die Unsichtbarkeit von Geld beginnt nicht etwa mit unserem
HavenCo-Angebot auf Sealand - es hat vielmehr damit zu tun, dass Menschen
verschlüsselt und daher geschützt miteinander kommunizieren können. Geld
ist ja nur ein Zahlungsversprechen, eine Bestätigung, wer wem wieviel
schuldet. Nur ein Stück Papier oder eben Zahlen in irgendeiner Maschine.
Heute ist es sehr einfach, digitale Zahlungsversprechen zwischen zwei
Einzelpersonen oder innerhalb einer begrenzten Gemeinschaft durchzuführen,
ohne dass irgendjemand anderer davon etwas mitbekommt.»

Hier gefriert mir doch der Alligator im Mund. Wie war das? Es ist also
nicht genug damit, dass ein verschwindend kleiner Teil der Menschheit immer
reicher wird - die können nun auch seelenruhig herumspazieren und
behaupten, ihnen gehöre bloss das Polohemd und die Golfhose, die sie
tragen?  «Was» unterbricht Hastings, «fürchten Sie denn, was das Geld
Schlimmes anstellen könnte?»

Ein Beispiel für Machtmissbrauch mittels Milliarden? 50 bis 80 Prozent der
Weltbank-Grossprojekte - also Dämme, Kraftwerke, Pipelines -  gelten gemäss
Untersuchungen des US-Kongresses als gescheitert und hinterlassen halb
umstrukturierte und verschuldete Entwicklungsländer. Etwa das Kernkraftwerk
Bataan nahe Manila: Es wurde von der US-Firma  Westinghouse viel zu teuer
gebaut, die Präsidenten-Familie Marcos liess sich bestechen, die
Phillipinen bezahlen den Kredit bis im Jahr 2018 - aber das AKW lief gar
nie. Es stand nämlich auf mehren Erdbegenfalten und in der Nähe eines
Vulkans.

Hastings lacht. «Sehen Sie? Diese Dinge passieren immer dann, wenn
Zentralregierungen viel Geld in die Hand nehmen. Wenn einmal die Leute ihr
Geld selbst kontrollieren und es nicht mehr aus ihren Taschen
herausgesteuert wird, kann sowas nicht so leicht geschehen. Es ist klar,
dass immer versucht wird, Leute und ganze Länder übern Tisch zu ziehen.
Zentralgewalten und Regierungen sind dafür besonders geeignet, weil da nur
wenige Leute, im Idealfall ein einzelner Diktator, betrogen oder bestochen
werden muss - und schon läuft die Sache. Diese Geschichte aus den
Philippinen ist ein typisches Beispiel für die alte Art, Dinge zu tun. Was
ich mit HavenCo auch erreichen möchte, ist den kleinen und armen Ländern zu
zeigen: Hey, im Informationszeitalter habt ihr wesentlich mehr
wirtschaftliche Macht als ihr denkt. Die Internet-Branche der ganzen Welt
würde auf Eure Insel passen, alle Server dieser Welt haben in einem
einzigen grossen Haus Platz. Die Server werden immer dorthin gehen, wo sie
die besten Bedingungen finden.»

Die finden sie nächstes Jahr vermutlich auf Sealand. Ich frage noch einmal:
Wer auf Sealand eine Bank betreibt, kann ganz anders rechnen, also können
riesige Geldbeträge dorthinfliessen und, da keinerlei Einblick besteht,
allenfalls gewaschen werden. Fazit: Mit Unrecht Geld machen wird wesentlich
praktischer.

Sean Hastings findet das offensichtlich nicht. Trotzdem sucht er nach einer
Erwiderung. «Nehmen Sie den schlimmsten Fall, wo eine Firma ihre Fabriken
in einem hungergeplagten Drittweltland aufstellt, mit Billigstlöhnen und
schlechten Arbeitsbedingungen operiert und die Umwelt massiv verschmutzt.
Wenn nun der globale Informationsfluss weiter zunimmt, wird Folgendes
passieren: Erstens erhalten die Arbeiter eine globale Perspektive, einen
Vergleich mit andern Ländern und der Druck nimmt zu, die Arbeitbedingungen
zu verbessern. Gleichzeitig nimmt ihr Informationsstand und damit ihr
Selbstbewusstsein zu. Zweitens: Auch die Konsumenten erhalten immer klarere
Vorstellungen davon, wie und wo ihre Produkte hergestellt werden. Wenn
diese Informationen eine Firma als ausnützerisch ausweisen, hat sie ein
Problem. Und wenn nicht die Presse diesen Informationsfluss nicht
herstellt, dann geschieht er sicher auf dem Internet.»

Schön wärs, denke ich, aber gleichzeitig wird mir gewahr, dass ich in
anderem Zusammenhang auch schon blauäugig optimistisch geplaudert habe.
«Was man sich vergegenwärtigen muss ist» fährt Hastings weiter, «dass die
Welt aussergewöhnlich reich an gesammelten Informationen wird. Kameras
werden immer billiger und kleiner, es gibt immer mehr Verwendungszwecke für
sie. Der Datentransfer wird billiger und schneller. Bald werden die meisten
unserer Schritte in der Öffentlichkeit irgendwie aufgezeichnet, irgendwo
gespeichert und von irgendjemandem irgendwo abrufbar - via Handy oder
Computer. Wir haben in Zukunft mehr Zeugen und weniger Geheimnisse.

Sean Hastings sieht darin Vorteile. «Ich verspreche niemandem eine völlig
sichere Welt, aber ich mache eine Prophezeiung: Mit üblen Taten grosse
Summen zu machen, wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Je perfekter und
allgemeiner der Informationsaustausch, desto wahrscheinlicher wird, dass
Geld nur der verdient, der wirklich etwas bietet. Du wirst reich, wenn das,
was Du kannst, vielen nützt. Wer an den Leuten vorbeiproduziert, wirst du
verarmen.» Ist das nun das Paradies oder die populistische Phase des
Kapitalismus?

In seinem  Buch «Powershift» (Machtwechsel) schrieb Alvin Toffler Ende der
80er Jahre: «Schon heute ist die Rate des Technologiewechsels weissglühend,
die Unternehmen hängen mehr denn je von der Telekommunikation ab. Es
entbrennt ein Kampf  um die Kontrolle des Kommunikationssystems.» Die
darauffolgende Passage ist geradezu prophetisch: «Wissen, Information oder
Daten können heute andere Ressourcen ersetzen. Geld wird bald der
Information und die Information dem Geld ähnlicher, beide werden in
elektronische Impulse verwandelt und als solche immer schneller übertragen.
Die historische Fusion von Telekommunikation und Finanzwesen erhöht die
Macht jener, die die Netzwerke kontrollieren, exponentiell.»

Es ist nicht möglich, das Internet zu überschätzen, denn die meisten seiner
Überraschungen haben wir gar noch nicht ausgepackt. Dass e-Commerce nicht
so automatisch abgeht wie sich die Firmen das gedacht haben, spricht für
und nicht gegen das Netz. Die  Menschen sind online so unberechenbar wie
offline.

Auseinandersetzungen gibt es neu auch im Netz. Dass unabhängige
Netzwerk-Gruppen stärker als E-Commerce-Unternehmen  sein können, bewies im
Frühling 2000 die Auseinandersetzung zwischen der Künstler-Businessgruppe
Etoy und dem milliardenschweren Online-Spielwarenverkäufer E-Toys. Der
schaffte es mit US-Gerichtsunterstützung, Etoy wegen ähnlichem Namen und
andern Anschuldigungen aus dem Netz zu kippen (obwohl Etoy zuerst da war).
Darauf gelang es Etoy, in einer spektakulären Aktion namens Toywar nicht
nur internationale Unterstützung zu organisieren, sondern mittels
exzellenten Börsen- und Anlegerpsychologie-Kenntnissen auch die
E-Toys-Aktien auf einen Bruchteil ihres Wertes herunterzufahren. Geknickt
lenkten die Anwälte des E-Toys-Konzern ein. "Die teuerste Performance der
Kunstgeschichte" meint Etoy selbst und der Konstanzer Netzwissenschafter
Reinhold Grether bezeichnet den Vorfall als «das Brent Spar des
E-Commerce». Damit sei es klar, dass die E-Commerce-Firmen sich auf dem
Internet nicht so aufführen können, als gehöre es ihnen. Fazit: Auf dem
Internet herrscht ausser allgemeinem Austausch niemand. Niemand ausser die
Freiheitsstatue.

Sean Hastings, der Umplatzierer der Liberty, lässt sich überreden, eine
Prophezeiung für die Fortschritte des Informationszeitalters in den
nächsten Jahrzehnten  abzugeben. Weil die Musik in Webber's Restaurant nun
lauter wird - dies ist schliesslich New Orleans - verläuft der Schluss des
Interviews schreiend. DIES ALSO UNSERE ZUKUNFT NACH SEAN HASTINGS: «2001
starten wir HavenCo auf Sealand, 2002 entstehen weitere HavenCo-Datencenter
auf der ganzen Welt und erste Konkurrenz tauchen auf. Im Jahr 2005 werden
Datenhäfen die wichtigsten Einkommensanteile von Kleinstaaten. Das Internet
wird durch Eternity-Systeme wie etwa Freenet verändert, sie laufen bereits
jetzt und werden ab 2005 im grossen Umfang verwendet.  Eternity ist eine
Internet-Software ähnlich einem WWW-Programm. Man nennt die Technologie
auch Peer-to-Peer, Kumpel zu Kumpel, weil hier die einzelnen Computer nicht
via Provider und deren Server miteinander verbunden werden, sondern direkt.
Dokumente werden auf verschiedene Computer verteilt gelagert. Der
Gesamteffekt von Eternity ist, dass niemand mehr herausfinden kann, wo ein
Dokument liegt und wo es herkommt.»

Kampf und Übergang wohin man schaut? «Die bisherigen Mächte werden noch
lange einen gewissen Marktanteil behalten» meint Hastings gelassen. «Den
Nationen etwa wird die massive Dezentralisierung und Individualisierung
bald auf den Wecker gehen - sie werden schon 2001 beginnen, die
Datenhafen-Nationen mit Sanktionen einzudecken. Weil Copyright-Rechte nicht
mehr durchzusetzen sind, werden sie 2010 aufgegeben. Die Steuergesetze
konzentrieren sich auf Konsumabgaben, vor allem auf staatliche
Dienstleistungen, welche dafür umso besser sein müssen. Die meisten
Landesgrenzen werden geöffnet, Nationalität wird  unwichtig. Dann,
vielleicht etwa 2025, sehe ich Massenflucht aus den letzten Ländern, die
den Informationsfluss immer noch regulieren wollen. Eine weitere
Grossentwicklung ist schliesslich das digitale Geld. In abgeschlossenen
Gemeinschaften schon heute existent, wird es 2005 wichtiger sein als
Länderwährungen und ungefähr 2010 schwenken auch die Regierungen auf
digitale Währungen ein.»

Digitales Geld? frage ich Sean Hastings. Wie soll das funktionieren? «Oh,»
meint der und schaut auf die Uhr, «das ist eine andere  Sache, an der ich
arbeite - ein anderer Aspekt des Informationszeitalters, wenn Sie so
wollen. Mein Projekt nennt sich Distributed Barter System und ist ein
Versuch, das digitale Geld anwenderfreundlich zu machen. Die Technik ist ja
da, bald steht in jedem Laden und in jedem Haus ein Computer, es geht jetzt
nur noch um die Akzeptanz.» Barter sind Gutscheine, die Tauschhandel
ermöglichen, also das Geldsystem links liegen lassen. Fluggesellschaften
zum Beispiel benutzen Fluggutscheine als Geldersatz.  Hastings: «Und
Distributed Barter sind höher entwickelte Gutscheine, die an vielen Orten
eingelöst werden und mit vielen Währungen umgehen können. Wegen ihrer
Komplexität sind sie auf Computerunterstützung angewiesen.»

Was soll digitales Geld, wo wir noch nicht mal den Euro verstehen? Sean
Hastings rundet die kleine Einführung ins Informationszeitalter, zu der
dieses Interview nun definitiv geraten ist, glorios utopisch ab: «Das
heutige Geldsystem» sagt er, «stützt sich auf Goldreserven und die sind
begrenzt. Dies führt zu einem Nullsummenspiel - wenn ich mehr Geld habe,
hat vermutlich jemand anderer weniger. Dies macht Reichtum moralisch
fragwürdig. Wenn man aber das Geldsystem auf vermehrbare Werte wie Arbeit
und Güter abstützt, sieht alles anders aus. In meinem Barter-Projekt hat
jeder seine eigene Währung. Sie sind Journalist, also ist Ihre Währung Ihre
Arbeit, die sie marktgerecht einschätzen müssen. Wenn Sie nun ein TV-Gerät
kaufen, bucht Ihnen der Verkäufer soviele Albertkuhntext-Punkte ab, wie
eben für einen Fernseher nötig sind. Wieviele Ihre Währung wert ist,
erfährt er objektiv via Computer. Dies führt dazu, dass Reichtum unter dem
Strich vermehrbar ist, weil sich natürlich alle anstrengen müssen, etwas
für die Gesellschaft Nützliches zu tun. Im Idealfall werden alle reich -
wogegen in einem von oben regulierten Sozialstaat die meisten arm werden
oder bleiben.»

Die Kellnerin räumt Hastings Alligator und meinen Catfish weg.

Auf dem Flug in die Schweiz liegt Sealand links unter einer Wolkendecke.
Könnte alles so einfach sein?  Fördert die digitale Revolution das Gute in
uns? Bin ich Check Guevara begegnet? Können wir von Amerika lernen? Mein
Rückflug dauert noch an.




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