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nettime: Lovink/Schultz-Sintflut als Internet
Geert Lovink on Wed, 16 Oct 96 12:30 MET


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nettime: Lovink/Schultz-Sintflut als Internet


Academia Cybernetica
Ueber die Sintflut als Internet

Von Geert Lovink/Pit Schultz

"Nicht fuer die Schule, sondern fuer das Leben surfen wir."=20
(Johan Sjerpstra)

Fuer Aussenseiter, Einsteiger und sogar fuer Fortgeschrittene bleibt
das Netz ein Synonym fuer die sintflutartigen anschwellenden
Netzgesaenge. Als achte Plage kurz vor dem Exodus setzt die Idee, dass
alle 18 Monate die Information auf diesem Planeten sich verdoppelt den
Bildungsbuerger in Angst und Schrecken. Der humanistische Wunsch der
Mensch sei Herr ueber seine Daten macht aus der Verselbstaendigung
technischer Medien ein endzeitliches Schreckgespenst. Das Problem ist
vor allem das Heimtueckische der sich selbst vermehrenden
Information, und der unkrautartige Wildwuchs unkontrollierter
Datenproduktion treibt seine Spaesse mit dem Willen zum Wissen. Der
gutgemeinte Trieb zur Wahrheit welcher als Faehigkeit zu Ent-scheiden
wirksam wird, geht im anonymen Gemurmel profaner Freude am Rauschen
unter. Die Baendigung der zweiten Natur wird zum zentralen Vorhaben
fuer die Entscheidungstraeger des 21. Jahrhunderts.
Peter Handke bemerkt dazu auf seiner "winterlichen Reise": "Denn was
weiss man, wo eine Beteiligung beinah immer nur eine (Fern-)
Sehbeteigung ist? Was weiss man, wo man vor lauter Vernetzung und
Online nur Wissenbesitz hat, ohne jenes tatsaechliche Wissen, welches
allein durch Lernen, Schauen und Lernen, entstehen kann?" Der Gegensatz
von Erfahrung vor Ort und Beteiligung aus der Ferne deutet im Grunde
nur auf einen Stellvertreterkonflikt konkurrierender Bereiche der
Wahrheitsproduktion. Die hohe Zunft der Literatur sieht sich durch
'Online' um ihr Privileg gebracht authentische Subjektivitaet und
Praesenz zu vermitteln. Die kulturelle Herrschaftselite ertraumt sich
eine abgeschlossene Zone des Erhabenen und Realen in dem Erfahrung,
Entscheidung und Handlung noch moeglich sind weil sie klassischen
Regeln folgen.
Auch fuer Dietmar Kamper sind die Medien die grosse Gefahr: "Das
Imaginaere ist derzeit der maechtigste Gegner derer, die leben wollen.
Es hat alle Throne und Herrschaften besetzt. Es feiert den Geist des
Binaeren. Es bietet keine Spielraeume mehr fuer Koerper auf Zeit. Wie
soll man ein Gefaengnis aus Bildern oeffnen?" Sein Freund Baudrillard
aus Paris meint dazu: "Unsere gesamte Geschichte zeugt von dieser
Anlage der Vernunft, die selbst auf dem Weg ist, sich zu zerlegen.
Unsere Kultur des Sinns bricht zusammen unter dem Uebermass an Sinn,
die Kultur der Realitaet bricht zusammen under dem Uebermass an
Realitaet, die Kultur der Information bricht zusammen unter dem
Uebermass an Information."
Die Rede von Tod und Niedergang, die Rethorik von "dies alles geht
zuende" findet nicht die Worte fuer den eigentlichen Verlust. Im Buch
war der Geist gut aufgeboben, seinen Vertretern auf Erden, Priestern,
Schreibern, Dichtern und Richtern wuchs durch die Beherrschung der Technik
des richtigen Schreiben und Lesens eine jenseitige Macht zu. Heute
steht der Schriftkultur der Nihilismus eines numerisch-rechnerischen
Datennirvanas gegenueber. Die imaginaere Macht des Intellektuellen die
auf der Beherrschung der traditionellen Kodierungstechniken fusst, geht
in ein melancholisches Jammern ueber bevorstehende Kulturkatastrophen
ueber, weil Europa nicht mehr Zentrum der symbolischen
Herrschaftsordnung ist. Siemens, Philips, Bull, Olivetti, Robotron sind
zu Nachlassverwaltern des industriellen Zeitalter degradiert. Die
nationalen Elektrokonzerne und deren Kulturbedarf sind als
buerokratische Dinosaurier auf dem "globalem Weltmarkt" ohnmaechtig
gegen die (asiatische) "Perfektion des Sekundaeren". "Waehrend wir der
Irrealitaet der Welt als Schauspiel die Stirn bieten konnten, sind wir
vor der extremen Realitaet dieser Welt, vor dieser virtuellen
Perfektion schutzlos." (Jean Baudrilliard)
So wie Adorno ueber den Jazz schimpfte, wird das Netz eingereiht in die
Bedrohungen der Hochkultur. "Eine imaginaere Wissenschaft der
Ueberhaeufung. Die Dinge haben ihren Spiegel verschluckt: Der Zucker
'ohne Kalorien', das Leben ohne Salz, das Salz ohne Natrium, der Krieg
ohne Feinde, Sex ohne Kontakt, die Sintflut als Internet" (Matthes und
Seitz). Die Geschichte als ein Kampf zwischen Hi-brow und Lo-brow
erfordert immer wieder die genaue Lokalisierung des Uebels. Zu
Anfangszeiten der Populaerkultur hiess es noch "unorganized
recreations, dance halls, gambling, night clubs, cinema, the problem
of overexitement, fruitless diversion" so die Schule um Dwight
MacDonald, den ersten Kritikern der Massenkultur des "modern life" in
den vereinigten Staaten, "the upperclass monopoly of culture was
broken". Die klassische Lokik von Oben gegen Unten wurde durch
"cultural studies" zwar aufgeweicht, das Problem der Hegemonie wurde
jedoch nur verschoben. Heute ist der Hochkulturbetrieb dazu gezwungen
sich zu verteidigen und ihre Pfruende gegen die Techno-massen zu
sichern und dennoch ihren Erlebniswert zu steigern.
"Was Nietzsche in seiner Vision vom anbrechenden Zeitalter der letzten
Menschen vor Auge hatte, ist der scheinbar unaufhaltsame Abstieg des
Menschen von den alten manischen Hoehen zur universellen
selbstzufriedenen, semidepressiven Mittelmaessigkeit. Wer koennte
leugnen, dass das Medienzeitalter zu einem Triumph der entgeisterten
Vitalitaet gefuehrt hat - orientiert am Leitbild sportlich-
musikalischer Grenzdebilitaet? Der letzte Mensch: der Passant vor einem
Mikrophon." kommentiert der ZKM-Philosoph Peter Sloterdijk. Die Abscheu
vor dem eignen Mittelmass, die Abhaengigkeit von der Mittelschicht und
das Verschwinden der Hi-Society hinter ihren eigenen Gittern, macht es
dem aufstrebenden Intellektuellen unertraeglich, dass Hochkultur
laengst zum Allgemeingut einer konstruktiven, ehrgeizigen und
gebildeten Mittelschicht geworden ist. Das Fehlprodukt der deutschen
Nachkriegsgeschichte ist der Uebermensch ohne Eigenschaften. "Die
Mediengesellschaft ist in das schwarze Loch der Erkenntnis gefallen."
(Der Spiegel)
Marc Auge'=82 nennt es "die Uebermoderne, die Vorderseite einer Medaille,
deren Kehrseite die Postmoderne bildet." Es geht ihm um die
"Ueberinvestition an Sinn, die Ueberfuelle der Ereignisse." Peter
Sloterdijk kann sich immer noch nicht entscheiden, auch wenn Europa
erwacht. "Welches Leben sollen wir probieren? Welchen Flug sollen wir
buchen? Wir sind bodenlos, weil wir zwischen vierzehn Arten von
Dressings waehlen muessen. Die Welt ist eine Speisekarte, da heisst es
bestellen und nicht verzweifeln." Gottfried Benn hatte schon Jahre
zuvor mit dem gleichen Phaenomen zu kaempfen. "Geistesfreiheit -: weil
1841 die Massenherstellung von Druckerschwaerze begann und im Laufe des
Jahrhunderts die Rotations- und Setzmaschinen hinzukamen, das waere bei
3812 Tageszeitungen in Deutschland und 4309 Wochenzeitschriften zuviel
historischer Sinn." Robert Musil laesst seinen Ulrich dazu sagen:=20
"Du brauchst bloss in eine Zeitung hineinzusehen. Sie ist von einer
unermesslichen Undurchsichtigkeit erfuellt. Da ist die Rede von so vielen
Dingen, dass es das Denkvermoegen eines Leibniz ueberschritte. Aber man=
 merkt
es nicht einmal; man ist anders geworden. Es steht nicht mehr ein ganzer
Mensch einer ganzen Welt gegenueber, sondern ein menschliches Etwas
bewegt sich in einer allgemeinen Naehrfluessigkeit."
Es gibt die Vorstellung aus dem 19. Jahrhunderts ueber den
zwangslaeufigen Zerfall von Ordnung in Entropie, der Maxwellsche
Daemon, der nun auf die Informationsebene losgelassen wird. Die neue
Unuebersichtlichtkeit der digitalen Welten treibt uns in den Kaeltetod
(oder Waermetod?). Die postmodernen Fiktionen von Pynchon bis Gibson
haben sich als hypernaturalistische Grosschenromane erwiesen. Was
bleibt ist eine Kultur des Jammers, das Unbehagen an der Postmoderne,
die man selbst mitzuverantworten hat. Zum Beispiel Baudrillards "Drama
des Ueberentwickelten", "das Psychodrama des Ueberdrusses, des
Ueberdrucks, der Ueberfuelle, der Neurose und der aufbrechenden
Geschwuere." Information als Katastrophe: "Sind wir also am Nullpunkt
der Kommunikation angekommen? Klar: die Leute hueten sich vor der
Kommunikation wie vor der Pest." Das ist der Standardkommentar zu den
Wachstumsraten der Netze: "Was haben wir uns gegenseitig zu sagen? Was
gibt es ueberhaupt zu kommunizieren?" Es gibt nur noch 'Info-Inflation'
und die eigentlichen Sieger sind die 'Informationsmakler'.
Dies alles scheint wahrer als wahr, es ist das Denken, das nur noch
Trivialitaeten und Tautologien hervorbringt. Die Negation der Negation
der Negation ruft keinen Spannungen mehr hervor. Es uebt sich im An-un-
Bei-sich-halten, die alte Subjektivierungs-tools sind marode geworden und
die neuen sind noch so fremd. Ohne Feind oder Handlungsbedarf, nachdem man
von allem Abschied genommen hat und alles zuende ging, kehren wir zur
Bodenstation zurueck (siehe Sherry Turkle).
Das Pariser Program wurde verwirklicht, aber das Leben ging seinen
gewohnten Gang. Aus 1000 Plateaux wurden Millionen Websites und das
postmoderne Wissen gibt es auf CD-ROM um die Ecke.
Gerhard Schultze, der Emmanuel Kant der Kaufhauskultur, bleibt
nuechtern. In seiner Kritik der Erlebnisrationalitaet beschreibt er die
Grenzen des Konsums. "Kaum angeschafft und in Gebrauch genommen, werden
die Dinge, die einen Augenblick vorher noch die Begehrlichkeit
wachgerufen haben, bereits blasser. Bei der Mehrzahl der Produkte ist
die staendige Verbesserung der Produktqualitaet nicht zu bezweifeln.
Fraglich ist nicht mehr, ob die Ware den Anspruechen des Kunden
genuegt, sondern ob der Kunde mit den Anspruechen der Ware
schritthalten kann. Die Langfristerfahrung der Dynamik des
Warenangebots uebt den Blick fuer das Verfallsdatum ein. Immer wieder
muss man innerlich und aeusserlich Platz machen fuer das Nachfolgende.
Zur Angst vor Langeweile gesellt sich die Angst, etwas zu versaeumen.
So gross die Zahl der Angebote auch ist, im Konsum des Erlebnisses
liegt unvermeidlich eine Festlegung." Die Folge: "Freiheitsstress".
Das Reale und Virtuelle, das Imaginaere und Symbolische trifft sich im
Moment des Erlebnisses, welches eine ganze Ereignisindustrie und -
forschung nach sich zieht. (Tourismus, VR-Parks, experimentelle
Psychologie, Extremsportarten, Event-Sponsoring, Cybercafes,
Clickstudien, Club Culture, Common Sense Studies..) Die
Erlebnissoziologie liefert das theoretische Geruest einer hochkomplexen
Ereignissproduktion und hat laengst das Internet erfasst (24 Hours
Cyberspace, Blitzmails, Blue Ribbon Campaign). Erlebnisdesign und
Ereignismanagement kaempfen gegen unkontrollierte Ausnahmezustaende,
Depression, Langeweile und froehlichen Vandalismus, sie stellen ein
pragmatisches Herrschaftswissen bereit, das sich als ueberlebensfaehig
erweist fuers Infozeitalter, da Emotionen steuert und nicht Signale.
Der bekannte Techne-Theoretiker Martin Heidegger hat mehrfach ernste
Bedenken geaeussert gegen die Erlebnisgesellschaft und seine
Ueberfuelle. Er wenigstens hat ein Loesungsvorschlag und ruft zur
Disziplin. Sein Biograph, Ruediger Safranski, beschreibt die Plaene
fuer eine Dozentenakademie, "eine Art Philosophen-Kloster, ein
Todtnauberger Asyl, mitten in Berlin." Darin finden wir Heideggers
Modell zur Bildung zukuenftiger Eliten. "Es sollte keine
Honoratiorenklub, aber auch kleine politische Volkshochschule werden,
sondern eine erzieherische Lebensgemeinschaft." Heidegger macht dazu
Vorschlaege und schickt sie am 28. August 1934 nach Berlin. "Lehrer und
Schueler sollen zusammenleben in der Tagesordnung des natuerlichen
Wechsels von wissenschaftlicher Arbeit, Entspannung, Sammlung,
Kampfspiel, koerperlicher Arbeit, Aufmaerschen, Sport und Feier. Es
solle einen Wechsel zwischen Einsamkeit und Sammlung geben. Hoersaal,
Speisesaal mit Vorlesepult, Raeume fuer Feiern und musisches Leben,
gemeinsame Schlafraeume." Zentrales Element ist die asketische Zucht im
Umgang mit Medien. "Die Bibliothek muesste kaerglich ausgestattet sein
und sollte nur das Wesentliche enthalten, sie gehoert zur Schule wie der
Pflug zum Bauern. Die Schueler sollen bei der Auswahl der Buecher
mitbeteiligt werden, um so zu lernen, was echte und grundlegende
Beurteilung des Schrifttums bedeutet." Loest das Internet heutzutage
die Schule als Institution ab und wer wird seine Inhalte bestimmen?
Mark Stahlman, Netzkritiker NY, sagt voraus, dass die Zukunft des Netzes
in einem weltweiten System zur Erwachsenenfortbildung besteht. Im
Bildungsauftrag koennte eine moegliche Kontrolle des vielbeklagten
Wucherns der Netze liegen.



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